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2007: "les Rituels barbares"

Idee, Konzept, Regie: Astride Schlaefli 
Produktion: Michael Röhrenbach

Mit: Claire Valat, Astride Schlaefli

Aufführungen: Schlachthaus Theater Berne (Februar 07), Theater Tuchlaube Aarau (Februar 07), Rennweg26 in Biel (April 07), Rote Fabrik Zürich (Mai 07)


Das Stück beginnt mit einer absurden Produktion von Musik-Kassetten. Aus den Archiven mit Kassettenaufnahmen von Berichten und Protokollen dieser Bluttat, Werken von Schubert und französischen Chansons der 30er Jahre stellen die Interpretinnen neue Bänder zusammen. Sie zerschneiden die Tapes, synchronisieren sie und spielen die Collagen auf alten Kassettenrekordern ab. Anschliessend testen sie das Ergebnis live auf dem Klavier. Dias begleiten ab und zu ihr allmähliches Abweichen von der Normalität.

Die aufeinanderfolgenden Szenen entfernen sich zunehmend von der Wirklichkeit, tauchen ein in ein Universum von lieben und furchtbaren Erinnerungen, von Träumen und Albträumen.

Die Musik und die Filme unterstreichen und begleiten ihr Abweichen von der Normalität. Den beiden Frauen entgleitet ihre Welt, sie steigern sich in ein Delirium. Bald bebildert die Bühne die Störungen ihres Denkens, die Verzweiflung zweier Frauen, die ihrem Wahnsinn ausgeliefert sind.








Die Geschwister Papin

Am 2. Februar 1930 entdeckt die Polizei in einem bürgerlichen Haus in Le Mans die Leichen von Frau Lancelin und deren Tochter. Ihre Körper sind fürchterlich verstümmelt, die Augen aus den Höhlen herausgerissen.

In der 2. Etage befinden sich im Bett, eng aneinander geschmiegt, die beiden Hausangestellten. Sie gestehen unumwunden den Doppelmord an ihrer Herrschaft, welche sie als völlig korrekt bezeichnen, nichts sei ihnen anzukreiden gewesen.

Die Schuldigen sind identifiziert, ihre Geständnisse ohne Zweifel, die Tatwaffen, eindeutig sichergestellt, liegen vor. Ein klarer Fall, die Akten werden geschlossen.

Die Ermittlung erklärt Christine Papin verantwortlich für den Doppelmord, ihre Schwester Léa wird wegen Beihilfe verurteilt. Zu jener Zeit stellen sich nur ein paar wenige Intellektuelle wie Jean Genet oder Simone de Beauvoir die Frage, was die Beweggründe gewesen sein mochten, die die Schwestern zur ihrer Mordtat veranlassten. Dann Schweigen.

1937 stirbt Christine Papin in einer psychiatrischen Anstalt an einer schweren seelischen Krankheit, die während des Prozesses geflissentlich vertuscht wurde. Léa Papin, die zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden war, wurde 1943 aus der Haft entlassen. Danach lebte sie unter ihrem Namen in der Nähe von Le Mans und arbeitete als Kindermädchen. Sie starb im Jahre 2001.



Thematik

Entfremdung des Denkens, Sozialisierung und Konditionierung der Frau gestern und heute, Haushaltsgeräte-Terror, Religion, Gewalt

Der Mord der Schwestern Papin findet in einer Zeit statt, als Hausangestellte nur in Bezug auf ihre Brauchbarkeit betrachtet wurden.

Meistens wurden die jungen Frauen in Klöstern erzogen, zu perfekten Hausmeisterinnen oder Haushaltangestellten geformt. Die Erziehung, sowie die spätere Arbeit zum Wohle der Herrschaft, fand in völliger Abgeschlossenheit gegenüber der Umwelt statt. Lebensgewohnheiten, Rituale und sich wiederholende alltägliche Verrichtungen bestimmen den Tagesablauf und verweigern dem eigenen Leben jeglichen Sinn. Die Verbindung zur Realität reisst ab, der Geist gerät auf Abwege und eine innere Leere entsteht. Das Gehirn kommt dem Sinn hinter den Handlungen und den Worten nicht mehr nach. Ohne sich dessen bewusst zu sein, beginnt das Gleiten ins Nichts. Der Boden für das Schlimmste wird bereitet.