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2006: "Monte Verità"


«Monte Verità»
Richard Strauss. Sinnsuche und Sonnenbad…

Regie: Astride Schlaefli 

Mit: Raphael Traub, Erwin Hurni, Marisol Schalit, Anna Trauffer, Julia Grossniklaus

Aufführungen:
Schlachthaus Theater Bern (April 2006)


Eine Generalversammlung der Monte Verità-Mitglieder gibt dem Stück die formale Struktur: Willkommensbegrüssung des Präsidenten, Genehmigung der Statuten, Bericht des Kassiers. Die Zuschauer werden von den Interpreten als Mitglieder angesprochen.

Die allgemeine Versammlungsstimmung wird durch eine Gedenkfeier, Andacht und kontrastierende Diashow unterbrochen, in die bitter-süssen Texte vermischen sich die «Vier letzte Lieder» von Richard Strauss. Zwei Video-Kurzfilme als eine Art Sammlung aus Archiv sorgen für nostalgisch-poetische Aufhellungen und stellen sich den desillusionierten Interpreten* entgegen.

Druch die Kombination abstrakter Szenen, die sich aus Text, Musik und Aktionen der Interpreten zusammenstellen, ensteht eine Art «visuelle Klanglichkeit». Die gespielten Szenen aus Zitaten, Huldigungen und Aktivitäten der Kuristen von Monte Verità führen vorerst immer wieder in die nüchterne Stimmung der Versammlung zurück. Die Realität der Generalversammlung löst sich nach und nach in Erinnerungen an die damalige Zeit und Phantasien auf.










1905 gründeten Ida Hoffmann und Henri Oedenkoven auf einem Hügel oberhalb von Ascona das Sanatorium «Monte Verità». Es sollte ein Ort sein, wo das lügnerische Gebaren der Geschäftswelt und die konventionellen Vorurteile der bürgerlichen Gesellschaft überwunden werden. Der Vegetarismus, kombiniert mit Sonnenbad und Lichtluftkuren gehörten zum Kulturprogramm.

Als Zentrum alternativen Lebens hatte der Monte Verità immer wieder die unterschiedlichsten Menschen begeistert: Psychoanalytiker Tanzreformer, Naturapostel, Künstler und Intellektuelle:  Hermann Hesse, Isadora Duncan, Rainer Maria Rilke, Rudolf Steiner, Rudolph von Laban, Richard Strauss, Emile Jacques-Dalcroze, Erich Mühsam, Lenin, Trotzki,...

Das Lebensglück neu definieren, indem man gesellschaftlicher Misere und Umweltverschmutzung den Rücken zukehrt, sich vegetarisch ernährt und barfuss geht... dies waren Bestrebungen, um eine Form «wahrhaftiger» Lebensgemeinschaft zu gründen. Ausserhalb der Gemeinschaft enthüllten die Schicksale einzelner allerdings die Ambivalenz des utopischen Projekts: Gekleidet in Tierfelle irrte Gustav Gräser im bombardierten München umher, als namenloser Bettler verstarb Otto Gross in Berlin, Erich Mühsam unterlag den KZ-Torturen der Nazis, während von Laban in Ergebenheit zu Goebbels Deutscher Ballett-Meister wurde.

Monte Verità war für viele was es hätte sein können, gelebte Utopie, eine Hoffnung und ein Begegnungsort, wo sich die Sehnsucht nach einem Besseren Leben erfüllen sollte.